Paradise Group Exhibition



Zur Ausstellung:


„Was würdest Du heutigen Künstlern mit auf den Weg geben, wenn Du an Michael Buthe denkst? Gibt es da was, was der hatte, was viele heute nicht haben?“ wurde Stephan von Wiese, lange Jahre Museumskurator in Düsseldorf, kürzlich gefragt. Seine Antwort lautete: „Ich glaube, die hatten alle das nicht, was er hatte.“

Stephan von Wiese hat Michael Buthe gut gekannt, hat von ihm 1977 eine Einzelausstellung „Hommage an einen Prinzen aus Samarkant“ im Kunstmuseum Düsseldorf gezeigt.

1999 richtete er ihm dort eine Retrospektive aus. 1983 erschien sein Buch: Michael Buthe. Skulptura in Deo Fabulosa“ im Verlag Silke Schreiber.

In Buthes Werk wurden konsequent Konventionen gebrochen, das spontane Lebensgefühl floss direkt in die Arbeiten ein. Das Ganz-Nahe und das Ganz-Andere spiegeln sich dabei wider, Glück und Trauer werden ungebrochen und authentisch festgehalten. Durch die vielen Schnüre und Tücher in Buthes Werk scheinen diese magischen Momente wie festgebunden. Die Kunst wurde zu einer großen Entdeckungsreise, das Werk war ein mythischer Raum.

Michael Buthe, zuweilen auch zu „Michel de la Sainte Beauté“ geadelt, griff als einer der ersten nach den letzten beiden großen Kriegen in Europa im Westdeutschland der 70ger Jahre ohne jede kolonialistische Attitude die Schönheit und Mystik der Kulturen des Orients auf und führte sie in einen zeitgenössischen Kontext. Der Künstler war bei seinen vielen Reisen in ferne Länder und Kulturen gewissermaßen auf der Suche nach dem „verlorenen Paradies“, versteht man „Paradies“ im Sinne der ursprünglichen Bedeutung als geschützten, glückserfüllten Ort. An die Stelle einer agitatorisch politisierten Kunst, wie sie in der 68er Rebellion um sich griff, trat bei Buthe und bei vielen Generationsgenossen in den nachfolgenden 70ger Jahren die Lust auf Entdeckungsreisen in archaisch anmutende Gesellschaften, in fremde verführerische Welten. Damit hob man sich gezielt ab vom Zweckrationalismus der westlichen Zivilisation, der anscheinend nur in die Ödnis führte. Buthe wählte sich damals, 1970, Marrakesch zur zweiten geistigen Heimat. Buthe überließ sich dabei seiner überbordenden Lust an Farben, seinem spielerischen Umgang mit Gold und Ornament, seiner Begeisterung für exotische Kulturen und deren Menschen, seinem Faible für mystische Poesie und seiner Neigung zur Homoerotik. Er machte daraus eine Kraftquelle seines Werks. Seine Atelierwohnungen in Köln und Marrakesch waren immer wieder fulminant inszenierter Treffpunkt von bekannten und aufstrebenden Künstlern, bürgerlichen Sammlern, einer bunten Schar von Freunden und Gästen wurden manchmal zum Museum auf Zeit, waren Werkstatt und Ort rauschender Feste - es herrschte ein unbändiger Hunger aufs Leben.

Buthes künstlerische Haltung wird heute kunsthistorisch subsumiert unter dem Label „Individuelle Mythologien“. Allen voran protegierte Harald Szeemann den Ausnahmekünstler, indem er ihn auf der documenta V, 1972, Raum für ein glänzendes Debüt gab. Buthe errichtete damals sein erstes großes Environment „Hommage an die Sonne“. Szeemann hob ihn damals beispielhaft heraus als einen der „zeitgenössischen Künstler, die besonders stark ihre eigenen Symbole und Zeichen setzen“.

Buthes Environment auf der documenta V war eine Art Zelt aus in Handarbeit gefärbten Tüchern, ein Verfahren, wie es der Künstler von Marokko her kannte und nun selbst immer wieder praktizierte. Eine totemhafte Wächterskulptur „Elvira Oasis“ stand vor dem Eingang zu diesem aufsehenerregenden säkularen Kultraum mitten in der Ausstellung.

In seine Werke, Environments, Skulpturen, Aktionen, Malereien, band Buthe immer wieder Fundstücke ein – Objekt Trouvés - oft mit Schnüren oder zerrissenen Tüchern rituell umwickelte Kleidungsstücke, Federn, Schneckenhäuser, Dosen, Alltagsgegenstände. Durch Verwendung von Blattgold wurden viele Werke mit sakraler und repräsentativer Strahlung aufgeladen – und nicht selten gekonnt provokant überladen.

Buthes letzte Werke aus Tanger von 1994, eines ist das zentrale Motiv der aktuellen Ausstellung, sind unter anderem ein ins Malerische umgesetzter „Orakelkorb“, wie ihn der Künstler einst in Benin kennengelernt hatte. Der Orakelkorb dieser afrikanischen Stammeskultur enthält viele kleine Objekte wie Muscheln, Knochen, Figuren, Artefakte aller Art , die vom Medizinmann immer wieder neu geschüttelt und in jeweils neuer Kombinatorik inhaltlich gedeutet werden.

Vor einem Jahr stellte das Kunstmagazin „Monopol“ die Frage: „Wie konnte Michael Buthe, der der Kunst der 70er und 80er Jahren so viele Impulse gab, nahezu vergessen werden?“ Damals wurden das ideensprühende Konvolut der Tagebücher und Buchobjekte des Künstlers in der Berliner Galerie Judin erstmals öffentlich präsentiert.

KLEINERVONWIESE beleuchtet mit der Ausstellung „Paradise“ eine kleinere Auswahl von Spätwerken aus dem Nachlass des Künstlers, zumeist 1994 in Tanger, auf Buthes letzter Reise, entstanden und bisher nur einmal, 1994, in der Galerie Ribbentrop in Eltville ausgestellt. 1994 war auch das Todesjahr des 1944 geborenen Künstlers. Größere Werkübersichten gab es zuletzt 2015 und 2016 im Stedelijk Museum voor Actuele Kunst (S.M.A.K.) in Gent und im Münchner Haus der Kunst als Präsentation der Sammlung Goetz.

Das sinnliche Feuer im Werk von Michael Buthe lodert immer wieder auf, sowie seine Arbeiten sichtbar werden, vor allem in Zeiten wie diesen, in denen Abstand überlebensnotwendig zu sein scheint. Es war auch Inspiration für diese Gruppenausstellung, in der auch Werke seiner Kölner Freunde – wie Ulrike Rosenbach, Klaus vom Bruch, Marcel Odenbach und Stefan Kürten, ein Schüler Buthes, einbezogen sind, aber auch die aktueller afrikanischer und arabischer Künstler wie Abbas Yousif aus Bahrain, Nasser Almulhim aus Saudi Arabien und Barthélémy Toguo aus dem Kamerun.

Aus Berlin sind die Steinbildhauer Andreas Blank und Stefan Rinck mit Arbeiten in der Ausstellung vertreten, ebenso der Keramikbildhauer Chris Hammerlein, die Malerin Kerstin Serz, die Maler Manfred Peckl und Maik Schierloh sowie die intermedialen Künstler David Krippendorff, Pola Sieverding und Ricardo Peredo Wende.

Die Fotografin Angelika Platen schuf eine Fotosequenz von Michael Buthe, die gleich nach der Rückkehr von der ersten Marokko-Reise, 1970, entstanden ist. Ihre Aufnahmen zeigen die Verwandlung des jungen, Anzug- und Schlips-tragenden Kunststudenten in einen völlig neuen Menschen: einen Michael Buthe, der fortan im Burnus und mit Federn im Haar erscheint - man meint sein herzhaftes Lachen zu vernehmen. Selten können Menschen in ihren Momenten der Erlösung festgehalten werden. Angelika Platen ist das gelungen.

Von Buthe werden zeitlose Arbeiten - zwei Aquarelle, ein Gemälde und ein Bildobjekt -gezeigt. Von seinen Installationen sind zumeist nur Relikte übrig, und es ist oft aussichtslos, sie ohne seine Anwesenheit wieder auferstehen zu lassen. Paradiesische Zustände ohne Menschen kann es nicht geben – das könnte eine der Botschaften dieser Ausstellung sein. Michael Buthes Zauber aber bleibt erhalten - sowohl in einigen wenigen Installationen, wie dem Tempel auf Ibiza für Ingvild Goetz mit Wandmalereien und Fetischskulpturen oder der Rauminstallation „Die Heilige Nacht der Jungfräulichkeit“ für die von Jan Hoet kuratierte document IX. Vor allem aber in seinen Bildern und Skulpturen und den Geschichten, die wir auch mit dieser Ausstellung weiter erzählen.


Constanze Kleiner, Stephan von Wiese


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